Versunkene Keilschrift –
eine Spurensuche zwischen Babylon und Bochum


19. Juli 2025

Ich muss mich zu dieser Arbeit nicht zwingen. Sie macht mir Freude und entspannt mich. Und gibt mir das Gefühl, dass ich die Jahre in Magdeburg nutze. Ich möchte die Stadt verlassen, aber es geht noch nicht. Nächstes Jahr im März möchte ich meine Latinumsprüfung bestehen, zwölf Monate später mein Graecum erhalten, danach das Hebraicum. Dann erst soll meine Reise in die Keilschriftkulturen des Alten Orients richtig beginnen. Ein verrücktes Vorhaben. Aber ich will aus meiner Zeit etwas machen. Lysander, mein ChatGPT-Mentor, unterstützt mich dabei. Ich gewänne dadurch einen würdigen Lebensabend, entnimmt er in Sekundenschnelle seinem endlosen Informationspool.

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20. Juli 2025

Erst am späten Vormittag aufgestanden. Ich beginne mit meinem Altgriechisch-Studium: erster Durchgang von Lektion 45 im Assimil-Buch. Die Lektion scheint kürzer zu sein, nur fünf Sätze im Lektionstext und fünf Übungstexte. Im ersten Durchgang jeder Lektion höre ich mir die Audioaufnahmen satzweise an und wiederhole sie nach jedem Satz sechsmal. Ich studiere die Anmerkungen zu jedem Satz. Danach gehe ich die Liste mit dem neuen Vokabular durch. Die Lückenfülltexte sind erst am nächsten Tag im zweiten Durchgang dran. Ich lasse mir für jede Lektion zwei Tage Zeit.

Es ist Sonntag, die beiden letzten Tage scheine ich meine 25 Terrassenpflanzen nicht ausreichend gegossen zu haben. Die Bambusblätter haben sich zusammengerollt und sehen grau aus. Ich brauche sechs 7-Liter-Kannen, um alle Töpfe zu wässern. Die Bambusse haben sich nach 20 Minuten perfekt erholt. Ich bin unzufrieden. Viele Traumata melden sich. Der Missbrauch an der Uni Hannover, die geplante Fehlbehandlung an der Medizinischen Hochschule Hannover. Alles liegt über 30 Jahre zurück. Aber die Folgen werden mit jedem Jahr sichtbarer. Die Verkürzung des rechten Oberschenkels verursacht den Beckenschiefstand. Dadurch verkrümmt sich die Wirbelsäule. Ich kämpfe dagegen an. Mein Trainingsprogramm habe ich auf 14 gute Übungen ausgeweitet. Wenn ich es durchziehe, fühle ich mich besser. Die durch die Krümmung verursachte Körperform fällt weniger auf, wenn ich noch schlanker werde. Drei weitere Kilo verlieren ist mein nächstes Ziel. Dass ich die beiden Verursacher der Sauerei von damals, heute in ihren Achtzigern bzw. Neunzigern, nicht haftbar machen kann, dass sie völlig unbehelligt durchs Leben gehen konnten, das nagt an mir.

In meiner Wohnung funktioniere ich. Ich lerne meine Sprachen, mache Körperübungen, stärke meinen Rücken, arbeite an einer besseren Aufrichtung, trainiere Kalorien ab, verdiene Geld durch Online-Übersetzungen. Aber ich bleibe unzufrieden. Magdeburg bietet mir keine Freizeitmöglichkeiten, ich fühle mich nicht eingebunden in die Stadtgesellschaft, man lässt mich in Ruhe, aber ich gehöre nicht dazu. Es gibt keine Events, die ich besuchen möchte, auf die ich mich freue. Mit Lysanders Unterstützung suche ich seit wenigen Tagen nach einem neuen Standort. Es müssen nicht mehr die Metropolen sein, in denen ich als armer Schlucker am Rande stünde, es muss nicht ein drittes Mal Hannover sein, wo ich in meinen Zwanzigern zwar kurze Zeit aufblühte, aber danach zu viel Leid erfahren hatte. Es soll aber auch kein abgeschiedener Rückzugsort wie Bremerhaven oder, wie sich mittlerweile herausstellt, Magdeburg sein. Schnell bildet sich Bochum als Alternative heraus. Nur einmal zuvor war ich dort, etwa zur Jahrtausendwende. Ich war von Gunter zur Einweihungsfeier der Tierarztpraxis seines Mannes eingeladen worden. Nach Abschluss des Tages ermunterte man mich, mit ihnen in einem Bett zu übernachten. Ich lehnte ab. Gunter sagte, die Menschen dort seien angenehmer als in Hannover. An mehr erinnere ich mich nicht. Am Dienstag und Mittwoch werde ich vor Ort sein und Eindrücke vom heutigen Bochum und der Nachbarstadt Essen sammeln.

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21. Juli 2025

In Lingua Latina per se illustrata, Pars II, Roma Aeterna, bin ich bei Lektion 42 angelangt. Das sind leicht vereinfachte Originaltexte römischer Autoren, in diesem Fall Livius. Die Texte sind schwieriger als im ersten Band und ich bearbeite sie deshalb anders. Ich fotografiere jeden einzelnen Absatz, lasse ihn von Lysander übersetzen und nach einem Blick auf die jeweilige Übersetzung lese ich den Originaltext nach dem gewohnten Schema: Erst einmal lesen und erkennen, was ich noch nicht durchschaue. Dann ein zweites Mal laut lesen, sodass möglichst alles klar wird. Beim dritten Mal verstehe ich den gesamten lateinischen Text, jedes Wort, jede Struktur, und beim vierten Durchgang lese ich den Text gefühlt muttersprachlich. So prägt sich alles am besten ein und ich verbrauche nicht zu viel der knappen Zeit für das Nachschlagen einzelner Vokabeln. Dieses Vorgehen hat sich bewährt. Lysander hatte anfangs viele Fehler gemacht, Sätze aus seinem Pool hervorgezaubert, die gar nicht im Buch standen. Aber wir haben uns aufeinander eingespielt und jetzt klappt es sehr gut.

Heute habe ich das volle Programm durchgezogen, obwohl ich bis fast elf Uhr im Bett lag. Übersetzungen im Gegenwert von 60 Euro, das komplette Rückentrainingsprogramm, eine Einheit Altgriechisch, drei Einheiten Latein und erfolgreich auf den amazon-Boten gewartet. Er hat mir ein Utensil gebracht, dass ich künftig an der Schlafzimmertür befestige, um auch die Face-Push-Übungen gegen gebeugte Rücken ins Trainingsprogramm mit aufnehmen zu können. Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Nacht und fahre morgen mit der Bahn nach Bochum, übernachte im Art Hotel Tucholsky. Mittwoch unternehme ich einen Abstecher nach Essen. Ich will in beide Städte hineinspüren: Will ich dort meine restliche Zeit verbringen? Lohnt sich der enorme finanzielle Aufwand, lohnen die Mühen eines erneuten Umzugs? Noch ist alles offen.

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26. Juli 2025

Heute beginne ich mit dem ersten Durchgang von Lektion 47 im Altgriechisch-Buch. Es geht um die Pflege des Körpers und der Seele junger Griechen. Ein bemerkenswertes Alltagsprogramm im Leben der Athener und Spartaner vor 2500 Jahren. In der kommenden Woche werde ich Lektion 50 erreichen, den Mittelpunkt des Lehrgangs. Das bedeutet bei Assimil, parallel zum Fortschreiten die Wiederholung aller bisherigen Lektionen beginnend mit Lektion 1 zu starten. Ich bin gespannt, was sich eingeprägt hat – und ob ich die Sätze nach der Wiederholung auswendig sprechen kann. Den täglichen Lernrhythmus hatte ich durch zwei Tage Aufenthalt in Bochum verloren. Gestern und vorgestern kein Latein gelernt. Ab heute halte ich mich wieder an das volle Programm. Vielleicht kann ich die ein oder andere Einheit nachholen.

Zu den zwei Tagen in Bochum gehörten zwei Zugfahrten von jeweils fünf Stunden und eine Übernachtung in einem Hotel in der Viktoriastraße. Direkt am Bermudadreieck. Mittlerweile mag ich beides nicht mehr. Im Hotel schlafe ich nicht gut, weil ich mich sorge, mir Bettwanzen einzufangen. In Zügen esse und trinke ich ungesund und nehme ungeplant Nahrung auf. Nach der Rückkehr zeigte die elektronische Waage zwei Kilogramm mehr an und ich fühlte mich während der beiden folgenden Tage müde und erschöpft. Alles pendelt sich gerade wieder ein.

Bochum habe ich als lebendige Stadt wahrgenommen. Ich kam mir im Gegensatz zu Magdeburg nicht beobachtet vor. Zunächst nahm ich sogar ein südländisches Flair wahr – nicht ganz so picobello sauber, aber voller Leben und Atmosphäre. Die Gebäude meist nicht mehr im allerfrischesten Zustand, überwiegend Häuser aus den 50er und 60er Jahren – man bemüht sich, Immobilien zu sanieren und Plätze aufzuwerten. Bistros wirken entspannter, im Bermudadreieck kann man sich auch nach Mitternacht noch gut aufhalten. Fahrradtouren durch die Innenstadt verlaufen teilweise auf der Fahrbahn, was das Radfahren unangenehm macht.

Zufällig entdeckte ich das Neubauviertel am Ostpark. Dessen Wohnungen würden meiner Magdeburger Wohnung entsprechen, sind aber vermutlich teurer. Eine Bewerbung beim Investor habe ich gestern über ein Online-Formular abgeschickt. Eine weitere im Internet angebotene Neubauwohnung würde ausgezeichnet passen, wird aber vermutlich von einem Immobilienfonds verwaltet und ist mit Indexmiete ausgestattet. Darauf sollte ich mich nicht einlassen. Die Entscheidung, Bochum als vermutlich letzten Lebensmittelpunkt anzustreben, scheint ohne großes Tamtam gefallen zu sein. Bochum lebt, Magdeburg ist untot, das sind die ausschlaggebenden Fakten.

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27. Juli 2025

Ich scheine wieder im Rhythmus zu sein: Als erste Aktion des Tages habe ich Lektion 47 Altgriechisch abgeschlossen. Dann Übersetzungsaufträge bearbeitet, danach die beiden einfacheren von drei Latein-Einheiten, nämlich eine Lektion aus „Latein ohne Mühe“ von Assimil, heute Lektion 76, wiederholt und ein neues Kapitel im Buch „Fit im Übersetzen – der ideale Prüfungstrainer“ aus dem Hueber-Verlag begonnen. Beide Bücher hatte ich in der Vergangenheit schon durchgearbeitet. Danach: Ausdauertraining auf dem Hometrainer, ausgeruht, geduscht und zwei weitere Seiten im zweiten Band von „Lingua Latina per se illustrata“ gelesen und verstanden. Bei diesem Buch lasse ich mir von Lysander helfen, weil ich es anders zeitlich nicht hinbekomme: Ich fotografiere ein paar Zeilen, lasse mir die Übersetzung geben, entschlüssele den Textabschnitt und lese ihn viermal hintereinander laut, bis ich das Gefühl habe, ihn zu beherrschen. Auf diese Weise kann ich das Buch in fünf oder sechs Monaten durcharbeiten. Heute waren ein paar Absätze aus Lektion 42 dran.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht zumindest vor meinem geistigen Auge an die Traumata, die man mir 1988 und 1991 in Hannover zugefügt hatte, denke. Die Täter sind nie zur Rechenschaft gezogen worden, ich habe nie ein angemessenes Schmerzensgeld bekommen, ich war naiv und habe verloren, fast alles verloren. Das Motto von F. war: „Man darf ruhig Verbrechen begehen, man darf sich nur nicht erwischen lassen.“ Viel zu spät wurde mir klar, dass ich das Opfer dieser Verbrechen war.

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Mit Mühe den ersten Durchgang von Lektion 48 des Altgriechisch-Kurses durchgearbeitet. Nach dem Duschen um 23:20 Uhr begonnen, nach einer halben Stunde war das Pensum erledigt. Die Lektion war etwas länger, ich hoffe dennoch, dass ich einiges assimiliert habe. Das ist das Prinzip der Assimil-Lehrgänge: nicht pauken, sondern die Sprache einfach aufnehmen. Im Vergleich zu anderen Lektionen habe ich beim ersten Durchgang nicht jedes Wort zuordnen können. Dennoch habe ich alle Sätze mehrfach laut gelesen und die Betonung der Wörter sowie die Satzmelodie nachgeahmt. Die Lektionen werden langsam, aber sicher schwieriger. Und es fällt mir schwer, beim Blick auf die griechischen Wörter deren Sinn sofort zu erfassen. Ich hoffe, dass das später in der zweiten Welle nach und nach besser wird. Es ist fast Mitternacht, meine Latein-Einheiten lasse ich heute aus.

Ein vor etwa 2350 Jahren verfasster Bericht über die Begegnung des griechischen Heerführers Xenophon mit den Keilschriftkulturen des Alten Orients. (Foto: privat)

Heute Vormittag musste ich mit zwei großen und zwei kleineren Übersetzungsaufträgen beginnen, die ich eigentlich am Wochenende abschließen wollte. Ich bin nicht gut in den Tag gekommen, meine Stimmung blieb bis jetzt gedrückt. Innerhalb weniger Wochen ist mein Gefühl, mich nach gut zweieinhalb Jahren in Magdeburg etabliert zu haben, umgeschlagen in das Gefühl, hier falsch zu sein und noch einmal etwas Neues beginnen zu müssen. Ich suche auf den einschlägigen Portalen nach passenden Wohnungen, schreibe Wohnungsbaugesellschaften direkt an, bin zeitweilig desillusioniert, weil Neubauwohnungen oder sehr gut ausgestattete Bestandswohnungen sogar in Bochum für meine Geldbörse fast zu teuer sind. Vieles ist in der Schwebe – das ist kein guter Zustand für mein Gemüt.

Immer wieder lasse ich in Gedanken meine Vergangenheit Revue passieren. Nahezu alle sozialen Kontakte habe ich hingenommen, nie mir ausgesucht. Für Hinz und Kunz war ich offen, meine Interessen habe ich zurückgenommen, den rücksichtslosesten Gaunern bin ich mit Gutmütigkeit begegnet. Was für eine Fehlprogrammierung. An jedem Arbeitsplatz habe ich bis zur Unerträglichkeit ausgeharrt, auch wenn er mir geschadet hat. Welchen Wert hat Intelligenz, wenn man sie nicht zu seinem eigenen Wohl einsetzt? Die Literatur hat uns viele Geschichten geschenkt – von Abenteurern, die naiv in die Welt gezogen und nach jedem Scheitern einen Schritt weitergekommen sind. Doch wo ist mein Happy End?

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Zum ersten Mal seit über drei Monaten habe ich heute keine Altgriechisch-Einheit durchgearbeitet. Der akkubetriebene CD-Player lässt sich nicht mehr laden. Derselbe Defekt wie beim Vorgängermodell, das ich erst vor drei Wochen ersetzt hatte. Die Rückgabefrist bei Amazon für dieses Gerät beträgt nur zwei Wochen. Es hat über eine Stunde gedauert, bis ich auf der Amazon-Website einen persönlichen Rückruf organisieren und schließlich erreichen konnte, dass mir ein Rücksendecode zugeschickt wird. Da ich kein besseres Modell finden konnte, habe ich nochmals den CCHKFEI-Player bestellt. Parallel werde ich von eingehenden Spam-Mails und neuen Auftrags-Mails gestört. Ich bin quasi rund um die Uhr im Einsatz. Diese elende Herumklickerei auf Online-Portalen, um Produkte zu checken, zu bestellen, Fachliches zu recherchieren oder mich zu unterhalten, nervt sehr. Sie belastet meine Augen und verschlechtert meine Körperhaltung.

Am frühen Abend hatte ich eine Pause eingelegt, um mit dem Fahrrad einkaufen zu fahren. Danach bin ich bis nach Buckau weitergeradelt. Buckau soll so etwas Ähnliches sein wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg oder Linden-Nord: ehemalige Arbeiterhäuser, die saniert wurden, um dort günstigen Wohnraum in einem entstehenden Szeneviertel zur Verfügung zu stellen. Optisch ist das gelungen, doch wie überall in Magdeburg: Es fehlt das Leben. Eine einzige Kneipe hat geöffnet, am frühen Abend, im Szeneviertel der Stadt. Ich fahre weiter zum Cindy-Wilgotzki-ReWe-Markt, verlasse ihn mit veganem Waldmeister-Eis im Becher und setze mich damit auf eine kleine Mauer auf einem heruntergekommenen Industriegelände. Das ist mein soziales Leben in dieser Stadt. An meinem 63. Geburtstag.

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Wie schnell sich alles ändern kann. Ich möchte weg aus meiner Wohnung und aus Magdeburg. Meine neue Ausgangsbasis soll Bochum sein. Es gibt Anlässe: das tägliche Dampfen auf der Nachbarterrasse vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Selbst wenn ich die Terrassentür nur noch kurz zum Blumengießen öffne, dringt der beißende Gestank in meine Wohnung. Während der ersten beiden Jahre haben die Nachbarn Rücksicht genommen und nur ins Treppenhaus oder zum Laubengang hin gelüftet. Jetzt scheint ihnen der Nachbar egal zu sein. Und es gibt Erkenntnisse: Ich finde in der Stadt keine gute Unterhaltung, keine Anlässe zur Freude. Wenn ich abends aus dem Haus möchte, bleiben nur McDonalds in Hohenwarsleben oder die Burgerking-Filiale am Magdeburger Ring. Selbst mit dem Auto finde ich keine Ziele, die sich lohnen. In Bochum erhoffe ich mir eine Reihe kleiner Freuden: Fußball mit Wattenscheid 09 und Leichtathletik im Lohrheidestadion, den Besuch eines Heimspiels des VfL Bochum, das visionäre Schauspielhaus Bochum und endlich einen Ort, um öffentlich und live Musik hören zu können: das eigenwillig gestaltete Musikforum Ruhr. Ich kann abends aus dem Haus und mich an einen Tisch im Bermudadreieck setzen oder ich fahre zum Entspannen in die Pluto-Sauna nach Essen. Genügt mir das nicht mehr, unternehme ich Abstecher in die vielen anderen Rhein- und Ruhr-Metropolen. Die Menschen im Ruhrgebiet seien wirklich offen, heißt es. Es ist keine Flucht, sondern ein Aufbruch.

Mein Sprachenprogramm, auf das ich seit Anfang März jeden Tag viel Zeit verwendet habe, steht vorerst still. Die Wohnungssuche in einer knapp 400 Kilometer entfernten Stadt kostet Zeit. Ich muss recherchieren und mich orientieren. Erstmals habe ich aufwendige Bewerbungsunterlagen erstellt. Morgen sehe ich mich zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen vor Ort nach dem Umfeld von Wohnungen um, die ich zuvor im Netz gefunden habe. Es gibt einen Termin mit einem Vonovia-Makler im Beethovenweg 22. Sehr viele Wohnungen, die meine Kriterien erfüllen, werden nur an Interessenten mit WBS-Schein vermietet. Habe ich darauf einen Anspruch?

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Die monatelange Sprachenlernroutine ist im Eimer. Zu sehr beansprucht mich die Entscheidung, Magdeburg zu verlassen und mir ein neues Zuhause in Bochum aufzubauen. Um nach vielen Stunden vor dem Bildschirm einmal die eigene Wohnung zu verlassen, war ich heute am späten Abend noch ein letztes Mal in einem Burgerladen in Hohenwarsleben, um nach wenigen Bissen den Mageninhalt ins Gras am Parkplatz auszukotzen. Vor einem Jahr hatte ich mir den Dacia angeschafft, um hin und wieder Ziele in der Umgebung der Landeshauptstadt anzusteuern – nur gibt es nicht, was sich als kurzes Ausflugsziel lohnte. Ganz offenbar hatte ich mir die Stadt schöngeredet, weil sie die Stadt war, in der ich mich nach meiner Flucht aus Berlin angesichts meines knappen Geldbeutels am einfachsten in einer komfortablen Wohnung niederlassen konnte. Ein Fehler.

Ich bin nicht einmal sicher, ob Bochum der richtige Ort für mich ist. Wiederum eine Kopfentscheidung, dieses Mal mit Unterstützung von Lysander ausgewählt. In den vergangenen drei Wochen war ich zweimal nach einer jeweils fünfstündigen Bahnfahrt dort und habe mir Wohnungen angesehen. Einen schon ausgefertigten Mietvertrag mit Vonovia werde ich morgen ablehnen, weil der Fahrstuhl in einem Zwischengeschoss ist. Es bleiben immer noch zweimal sechs Stufen bis zur Wohnung bzw. bis zum Erdgeschoss. Im Keller habe ich vorhin festgestellt, dass ich mein Fahrrad keine Treppen mehr hoch- oder heruntertragen kann. Mein Skelett weist zu viele Defekte auf. Auch das Wohnungsangebot in Bochum ist beschränkt, zumindest qualitativ. Zum ersten Mal seit dem Auszug aus meinem Elternhaus neige ich dazu, eine Erdgeschosswohnung zu mieten – barrierearm.

Die Szenen in Berlin und Hamburg werden mir künftig verborgen bleiben, ich bin zu arm für eine passende Wohnung in den großen Metropolen. Ich setze darauf, in der Vielfalt der Ruhrpott-Städte Abwechslung zu finden, die mich zufriedenstellt. In Bochum können es Fußball, Leichtathletik, das Schauspielhaus und das Musikforum Ruhr sowie kleinere Straßenfestivals sein. Ein Spaziergang durch die weitläufige Fußgängerzone könnte mir guttun. Weitere Ambitionen habe ich nicht mehr. Eine völlig neue Lebensepoche wird mit dem Umzug eingeläutet, vielleicht sogar meine letzte. Sobald ich mich eingelebt habe, muss ich mein rechtes Hüftgelenk austauschen lassen. Es führt kein Weg mehr daran vorbei. Selbst wenn der Eingriff gelingt, wird sich zumindest mein (potenzielles) Sexualleben ändern. So oft bin ich umgezogen, immer konnte ich wieder von vorne anfangen, aber dieses Mal wird es anders sein. Objektiv betrachtet bin ich ein alter Mann.

Es sind noch viele Dinge zu erledigen in Magdeburg: Hernien-OP-Kontrolle und -Nachbesserung, Zahnimplantats-Korrektur, einige Fußpflegetermine, Arztbriefe, Verkauf von Rudergerät und Blumenkübeln, zuvor das Entsorgen der prächtigen Terrassenpflanzen. Und vor allem die Suche nach einer passenden Wohnung. Ich bin nicht sicher, ob so alles richtig ist, aber ich bin mir sicher geworden, dass es hier nicht mehr lange weitergeht. Mit dem Umzug werde ich mich einige Hundert Kilometer weiter vom Standort meiner Mutter entfernen, die sich in ihren allerletzten Lebensjahren befindet. Aber das muss ich in Kauf nehmen – Prioritäten setzen.

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Mein Sprachenlernprogramm liegt brach. Ich lebe derzeit zwischen zwei Welten: Aus Magdeburg möchte ich weg, in Bochum bin ich noch nicht angekommen. Zudem stehen viele medizinische Reparaturen meines geschundenen Körpers an, die ich am jetzigen Standort noch abschließen möchte. Und ich habe 34 Jahre nach dem Unfall und der folgenschweren Fehlbehandlung an der Medizinischen Hochschule Hannover die Entscheidung getroffen, mein rechtes Hüftgelenk gegen ein künstliches austauschen zu lassen. Das soll aber am neuen Standort geschehen.

Die Leere und Perspektivlosigkeit der letzten knapp drei Jahre weichen langsam und doch deutlich spürbar der Hoffnung auf eine nochmalige Wende in meinem Leben. Auf eine neue Epoche im Ruhrpott – südlich der Autobahn A40. Naja, 500 Meter südlich wenigstens. Dort liegt die wohlhabendere, glücklichere Hälfte des Ruhrgebiets. Und bald werde ich dazugehören. Ich wünsche mir mehr Offenheit, mehr Lebendigkeit, mehr Teilnahme und mehr Abwechslung. Kleine Höhepunkte im Alltag, mehr muss es gar nicht sein.

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Zweieinhalb Monate dauert der Übergangszustand nun an. Fünf Bahnfahrten nach Bochum, fünf Wohnungen besichtigt, aber noch nichts gefunden, was den Aufwand eines Umzugs lohnt. Mittlerweile habe ich die Steuerunterlagen für 2024 in meinem Berliner Steuerbüro eingereicht und um eine Gewinnschätzung gebeten. Auf dieser Grundlage kann ich in NRW einen WBS-Schein beantragen. Das Angebot an Wohnungen, die eine Vorlage dieses Scheins verlangen, ist groß. Mein freiberuflicher Umsatz und meine Rente zusammen reißen die dafür geltende Einkommensgrenze gerade so eben nicht. Parallel suche ich weiter nach freifinanzierten Wohnungen. Der Standortwechsel soll jetzt bald passieren. Spätestens im nächsten Frühjahr möchte ich im Ruhrpott leben.

Gußstahlstraße – billiges Klischee oder wertvolle Erinnerung an Bochums industrielle Wurzeln? (Foto von Frank Vincentz auf Wikimedia Commons)

In Magdeburg arbeite ich jeden Übersetzungsauftrag ab, den ich bekommen kann. Meine laufende Finanzplanung bis Ende des Jahres steht. Zwölftausend Euro möchte ich am Jahresende an die Rentenversicherung überweisen. Dadurch muss ich für 2025 keine Steuern zahlen und bekomme ab April 2029 schlagartig mehr Rente. Hoffentlich. Gleichzeitig nutze ich jede ungeplante Gutschrift dazu, mein Depot an Dividendenaktien zu vergrößern. Ich muss finanziell unabhängiger von meinem Nebenjob werden. Der wird nicht immer laufen, denn die KI übernimmt auch in dieser Branche immer umfassendere Aufgaben.

Alle gesundheitlichen Baustellen erledige ich in dichter Abfolge. Die beiden Zahnimplantate unten rechts sind erfolgreich abgeschlossen. Vier Jahre lang zahle ich dafür Raten an den Finanzdienstleister. Mitte Oktober wird oben rechts ein weiterer Zahn neu überkront. Danach sollte auf Jahre hinaus alles in Ordnung bleiben. Der Augenhintergrund-Scan hat ergeben, dass alles bestens ist. Wichtig bleibt, die Augen alle paar Stunden zu befeuchten, um dem Austrocknen durch die überlange Bildschirmarbeit vorzubeugen. Der Lipidwerte-Check letzte Woche an der Uniklinik hat gute Ergebnisse gezeigt, übernächste Woche darf der Proktologe seine jährliche Routineuntersuchung vornehmen. Die größte Reparatur beginnt am kommenden Montag: Nach gut drei Jahrzehnten korrigiert ein plastischer Chirurg die Narbe am Oberschenkel, die durch die miserable Behandlung meiner Verletzungen nach dem Verkehrsunfall Teile meines äußeren Erscheinungsbilds sichtbar entstellt hat. Ist das erledigt, bin ich endgültig bereit für den Standortwechsel.

Statt der Perspektivlosigkeit, die ich in meiner aktuellen Lebensphase in Magdeburg fühle, sollen sich neue Chancen auftun. Der Weg dahin wird noch ein hartes Stück Arbeit sein. Aber ich bin sicher unterwegs und habe mein neues Ziel vor Augen. Immer wieder tauchen posttraumatische Bilder auf, verursacht durch Mobbing an Arbeitsplätzen, Missbrauch des psychologischen Beraters, Dissen, das von der Hildesheim-Szene ausging – aber es gelingt mir, diese auch wieder beiseite zu schieben. In der letzten Woche bin ich zurück zu meinem Elternhaus gefahren und habe meiner Mutter zu ihrem 95. Geburtstag einen Blumenstrauß geschenkt. Der Aufenthalt dort, unter ständiger Kontrolle des Bruders, war ein Kraftakt. Aber spätestens im Rückblick weiß ich, dass die Fahrt richtig war. Genau wie der bevorstehende Kurs in den Westen, dorthin, wo die Sonne verstaubt.

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Eine letzte Radtour gestern Abend bei knapp 30 Grad Celsius am letzten Sommertag des Jahres entlang des Elbeufers vom Dom bis nach Salbke und durch die Innenstadt zurück: Ich bin durch mit Magdeburg, alles wirkt langweilig und ich habe keine Motivation, Kontakt zu irgendjemandem zu knüpfen. Am Vortag habe ich auf Anforderung meine Einkommensnachweise in aller Ausführlichkeit an eine Maklerin von CE Immobilien gemailt. Deren Wohnobjekt in Bochum-Langendreer ist aktuell mein heißestes Eisen im Umzugsfeuer: Neubau aus dem Jahr 2020, Fußbodenheizung, barrierefrei, ebenerdige Dusche, Balkon, wenn auch etwas klein und nicht wirklich regengeschützt, Dachgarten mit Aufenthaltsqualität, Bahnhof der S1 in 5 Gehminuten Entfernung, in unmittelbarer Nähe das gesamte Nahversorgungsangebot inklusive diverser Cafés. Die Warmmiete liegt mit 800 Euro am äußersten Ende dessen, was ich verantworten kann. Aber alle günstigeren Wohnungen, die ich gecheckt hatte, haben zu große Nachteile, die in Kauf zu nehmen erst recht unverantwortlich wäre. Bekomme ich Anfang nächster Woche eine Zusage, nehme ich die Wohnung.

Am Dienstag war im Städtischen Krankenhaus Olvenstedt die Voruntersuchung und -besprechung zur geplanten Operation zur Narbenkorrektur. Am nächsten Tag stand ich nachts um 03:30 Uhr auf, um pünktlich um 06:30 Uhr gut vorbereitet auf der Station zu sein. Etwa 20 weitere Patienten warteten. Schließlich war ich als Letzter auf der Fläche und um 10:30 Uhr kam ein Arzt und sagte, es würde heute nicht mehr klappen. Zu viele Notfälle. Er gab mir einen neuen Termin für Anfang Oktober. Da ich danach ein paar Wochen lang meine körperlichen Aktivitäten zurückschrauben sollte, muss ich meine Umzugsvorbereitungen gut terminieren. Bekomme ich eine Zusage für die Wohnung in Langendreer, sollte ich sie am besten noch im September vor Ort besichtigen und den Mietvertrag unterschreiben. Der Rest lässt sich arrangieren.

Meine diversen Excel-Tabellen helfen mir auf famose Weise, alle finanziellen Eckpunkte jederzeit im Blick zu haben. Seit Beginn meiner Soloselbstständigkeit im November 2009 führe ich meine laufende Liquiditätsplanung fort, bei der ich alle geplanten Einnahmen und Ausgaben für die nächsten drei Monate fortschreibe und ausdrucke. Alle eintretenden Änderungen notiere ich auf dem Ausdruck und aktualisiere bei Gelegenheit die Tabelle. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit und motiviert mich, Einnahmen zu steigern und Ausgaben zu beschränken. Ich pflege auch eine Tabelle, aus der hervorgeht, ob ich die Voraussetzungen für die Beantragung eines in Nordrhein-Westfalen gültigen WBS erfülle, und eine weitere Tabelle, anhand derer ich genau beobachten kann, ob ich die Kriterien einhalte, die die Techniker Krankenkasse verlangt, damit meine freiberufliche Tätigkeit noch als Nebenjob anerkannt wird. Reiße ich diese Kriterien, wird die Krankenkasse mehrere Tausend Euro an Krankenkassenbeiträgen nachfordern. Diese Regelung macht mir Sorgen, denn eigentlich würde ich gern noch mehr nebenbei verdienen. Ein leicht höheres Einkommen würde aber unter dem Strich einen Verlust darstellen. Ich kann also meine Einnahmen nicht steigern.

Ich plane, einen Umzugskredit in Höhe von 15.000 Euro aufzunehmen, denn es fallen hohe Kosten an: Die alte Wohnung muss renoviert, die neue Wohnung möglicherweise gestrichen werden. Meine Einbauküche muss abgebaut und Teile davon wieder neu aufgebaut und ergänzt werden. Die Arbeiten an zwei weit voneinander entfernten Standorten wird sich das Fachunternehmen teuer bezahlen lassen. Ich habe ein Umzugsunternehmen ausgesucht, das als besonders servicefreundlich gilt. Es soll auch Abbau- und Aufbauarbeiten am Mobiliar und kleinere Installationen übernehmen. Mehrere Monate lang muss ich doppelt Miete zahlen und mehrmals selbst mit der Bahn und dem Auto hin- und herfahren. Auf keinen Fall möchte ich in einen finanziellen Engpass geraten. Die Kreditrückzahlungen, zumal schon zwei Zahnarztkredite laufen, erhöhen über Jahre hinweg den Druck, hohe Einnahmen zu generieren. Deshalb wiegt das faktische Verbot, mehr dazu zu verdienen, doppelt schwer. Für mich ist die gewonnene Lebensqualität, die ich mir vom Standort Bochum verspreche, noch wichtiger als der finanzielle Druck, der mich vermutlich jahrelang begleiten wird. Vor drei Monaten noch war Bochum eine Stadt unter vielen. Heute sehne ich sie als Rettungsanker herbei. Wer sich so sehr wandelt – der lebt.

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Rund um die Uhr bin ich unruhig und angespannt. Die makellose, zukunftsfähige Wohnung in der Magdeburger Altstadt sollte eine Konstante auf Lebenszeit sein – und bietet mir heute nur noch Wohnen auf Zeit. Ich möchte an einen neuen Standort ziehen und kann es noch nicht. Fast täglich finde ich im E-Mail-Postfach Wohnungsangebote, aber jedes Angebot hat zumindest ein Ausschlusskriterium. Bei meinem aktuellen Favoriten könnte es die Indexmiete sein, die in wenigen Jahren meine Möglichkeiten überschreiten wird. Dennoch sehe ich mir das Objekt am kommenden Mittwoch an, einen Tag vor der Narbenkorrektur-OP. Ich kann dabei den Stadtteil erkunden und sehen, wie sich Bochum im beginnenden Herbst anfühlt.

Ich träume von Gewinnen im Lotto oder bei Fußballwetten und aktualisiere penibel meine Excel-Liquiditätstabelle, die mir meine beschränkten Möglichkeiten schonungslos aufzeigt. Ich rechne aus, wie ich mich mit einer bescheidenen Wohnung und sparsamer Lebensführung auch ohne Nebenjob sicher bis ins hohe Alter über Wasser halten kann. Im nächsten Moment sehe ich mich auf der Dachterrasse der Neubauwohnung in Langendreer mein Leben genießen, als gäbe es kein Morgen. Und vielleicht gibt es das ja auch nicht? Der Domprediger fragt seine Gemeinde im Sonntagsgottesdienst: Wer von euch weiß schon, ob er morgen noch lebt? Niemand!

Jeden Tag, nahezu sieben Tage die Woche, quäle ich mich durch kleine bis kleinste Übersetzungs- und Revision-Jobs und sammle Euros wie ein Eichhörnchen seine Nüsse. Es fühlt sich zermürbend an, aber die Summe am Monatsende erlaubt mir ein Gefühl der Sicherheit und Freiheit, von dem ich in manchen Jahren nur träumen konnte.

Noch die Narbenoperation, die Routineuntersuchung beim Proktologen, ein Check der Achillessehne in der Orthopädiepraxis im MVZ – dann sind die Gesundheitsthemen, die ich mir für meine Restzeit in Sachsen-Anhalt vorgenommen habe, erledigt. Das sind Meilensteine, und dennoch sehe ich, wie sehr ich gegenüber meinen physisch besten Jahren abbaue, wie sehr sich die Mobilität schleichend einschränkt. Ich wachse und schrumpfe zur selben Zeit. Als bestünde mein Leben aus einer einzigen Sisyphusarbeit.

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Sieben Stunden tiefer Schlaf. Ich lebe in Berlin, bin in meinen späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern, körperlich attraktiv, aufgeschlossen, werde gemocht. Inmitten einer Gruppe vorrangig jüngerer Männer schlendere ich an einem späten Sommerabend zu einer OpenAir-Podiumsdiskussion durch eine städtische Baustellenlandschaft. Alles ist Baustelle, die Innenstadt von Berlin – ist es überhaupt Berlin? – wird nach historischem Vorbild neu aufgebaut. Ich bin etwas zurückhaltend, aber der Tonangebende im Team legt Wert auf meine Anwesenheit. Ich werde gemocht, einfach weil ich bin, und spüre diese Wellen der Zuneigung. Dann wecken mich die Presslufthämmer der Straßenbaustelle in der Erzbergerstraße noch vor dem Rasseln des Smartphone-Weckers auf.

Die Übersetzungs-Jobs fallen mir heute leicht. Es zeichnet sich zum Monatsende ein überdurchschnittlicher Umsatz ab. Und dennoch spüre ich seit Langem erstmals wieder wirtschaftliche Existenzängste. Ich stelle mir die favorisierte Wohnung in Bochum vor mit 800 Euro Warmmiete – am Anfang. Sie wird jedes Jahr teurer und ich nehme die immer höhere Miete in Kauf, weil ich meine Wohnqualität nicht zurückschrauben möchte. Und eigentlich auch nicht kann. Meine Rente wird kaum steigen, die Höhe der Dividenden meines Aktiendepots bleibt selbst dann überschaubar, wenn ich dereinst meine Mutter beerben sollte. Und mein Nebenjob wird früher oder später enden. Je länger ich lebe, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass mein Einkommen nicht mehr ausreichen wird. Ist das eine pessimistische Sichtweise? Eine düstere Vorahnung? Angst vor Veränderung? Oder gar eine Warnung der Vernunft? Noch ist nichts entschieden.

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Minutenlang gehe ich in meiner Wohnung auf und ab. Ich warte auf einen weiteren Übersetzungsauftrag oder versuche, mich vom Stress des zuletzt bearbeiteten Segments zu erholen, bevor ich mit dem nächsten weitermache. Ich warte auf eine passende Wohnung, die mich zum Ziel bringt. Und auf den Narbenkorrektur-Operationstermin, bei dem mich ein Ärzteteam wieder etwas fitter machen soll. Nachher will Hans vorbeikommen, der mich aus seiner Favoritenliste schon längst gelöscht hatte, aber es nun doch wieder von mir braucht. Er kommt mit dem Zug aus dem Nordwestzipfel Sachsen-Anhalts. Ich nehme jede Ablenkung mit.

Heute Vormittag bekam ich eine Absage für meine Bewerbung um eine günstige Top-Wohnung in Stadtparknähe an der U35. Das Angebot hatte ich acht Tage zu spät entdeckt. Auf das ImmoScout24-Suchprofil allein darf ich mich nicht mehr verlassen. Morgen früh fahre ich erneut nach Bochum. Die Wohnung am S-Bahnhof Langendreer scheint alles zu haben, was ich mir wünsche. Aber mit Indexmietvertrag wäre sie vermutlich bald zu teuer für mein in Zukunft eher knapper werdendes Budget. Passt es nicht gut genug, werde ich zumindest einen weiteren Stadtteil erkundet haben. Nach der Rückkehr muss ich für den OP-Termin meine Sachen packen und um 06:30 Uhr im Krankenhaus Olvenstedt sein. Sonnabendvormittag könnte ich entlassen werden. Dann wäre nach ein, zwei Wochen Schonung ein weiterer Meilenstein erledigt. Klappt es mit der Wohnung, beginnt der Stress mit den Umzugsvorbereitungen. Und ich werde Gefahr laufen, zeitnah keinen Nachmieter zu finden. Meine Verpflichtung, die Wohnung vier Jahre lang zu mieten, läuft erst Ende Oktober 2026 ab. Herr Brett von der Wohnungsbaugesellschaft versichert mir, dass es eine gefüllte Warteliste gibt. Aber die Interessenten wissen noch nichts von den Dampfzigaretten qualmenden Nachbarn.

In Bochum möchte ich endlich ankommen, zur Ruhe kommen. Das geht nur mit einer Wohnung, die mir auf Dauer Sicherheit und Geborgenheit bietet. Eigentlich sollte das schon in Magdeburg geschehen sein. Das Gefühl entwickelt sich aber weder in dieser Wohnung noch in dieser Stadt. Wenigstens habe ich das klar erkannt und mich entschieden, nochmal einen neuen Weg einzuschlagen. Kann ich mich in einer 800-Euro-teuren Wohnung auf Dauer gut aufgehoben fühlen?

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Übermüdet komme ich aus Bochum zurück. Nach einer schlaflosen Nacht war ich schon um sechs Uhr am frühen Morgen mit einem InterCity in Richtung Ruhrpott gefahren, in Dortmund in eine S1 umgestiegen und am Bahnhof Bochum-Langendreer-West wieder ausgestiegen. Hundert Meter vom S-Bahnhof entfernt ist das im Jahr 2020 errichtete Haus mit der 56-Quadratmeter-Wohnung, die ich besichtigen wollte. Eine wohltuend freundliche Maklerin aus einer kleineren Stadt im Umland nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um mir das Objekt vom Fahrradkeller bis zur Dachterrasse zu zeigen. Die Wohnung passt für mich in jeder Hinsicht und sollte sich die Maklerin für mich entscheiden, werde ich das Objekt mieten. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Bewerbern, die zu anderen Zeiten ebenfalls zu einer Einzelbesichtigung vor Ort waren. Die Chancen stehen nach meinem Gefühl eins zu zehn. Sollte es nicht klappen, beantrage ich einen WBS-Schein. Gestern habe ich von meiner Steuerberaterin die Gewinnermittlung für meine freiberufliche Tätigkeit im Jahr 2024 bekommen, die Voraussetzung für die Beantragung dieses Scheins ist.

Von Bochum aus erkundigte ich mich telefonisch bei der OP-vorbereitenden Station, wann ich morgen am Operationstag in der Klinik erscheinen solle. Ich bekam nach einigen Nachfragen auf Seiten der Stationsschwester die Auskunft, dass meine Operation erneut verschoben wurde und ich auf einen Rückruf vom Ärzteteam warten solle, um einen neuen Termin auszumachen. Warum diese Unverbindlichkeit? Die Terminkoordinierung – Operation, postoperative Schonungsphase, Zahnbehandlung, Umzugsvorbereitung und der Umzug selbst – wird immer schwieriger. Das entmachtende Gefühl im rechten Hüftgelenk, das heute beim Spazieren durch Langendreer und die Bochumer Innenstadt über die Maßen beansprucht wurde, warnt mich, dass ich keine Zeit zu verschenken habe.

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Der Ritt auf der Rasierklinge beginnt. Letzten Freitag habe ich einen Mietvertrag für meine neue Wohnung in Bochum-Langendreer unterschrieben. Ein Umzugsunternehmen schickt mir Anfang der kommenden Woche ein Angebot, nachdem sich einer von deren Mitarbeitern in einem 10-minütigen Videotelefonat meinen Hausrat angesehen hatte. Gestern habe ich einen Online-Kredit über 15.000 Euro beantragt. In spätestens zwei Tagen bekomme ich entweder eine Absage – oder das Geld wird auf mein Girokonto überwiesen. Die Rückzahlungsraten betragen 230 Euro monatlich. Gleichzeitig zahle ich 170 Euro jeden Monat an den Zahnarzt-Finanzdienstleister. Einen Dauerauftrag über 800 Euro Warmmiete habe ich eingerichtet. Mittwoch fahre ich erneut mit der Bahn nach Bochum, um im Küchenstudio Hardeck prüfen zu lassen, ob eines von deren Teams meine Magdeburger Küchenausstattung nach Bochum transportieren und mit einem Eckstück und einer neuen Arbeitsplatte ergänzen kann. Die Kündigung meiner jetzigen Wohnung ist unterwegs zur MWG. Sie wird standardmäßig zum 31. Oktober 2026 wirksam. Ich bin darauf angewiesen, dass mir der Vermieter einen Nachmieter aus seiner Warteliste vermittelt. Bis dahin muss ich doppelt Warmmiete zahlen. Das ist bitter. Da die neue Wohnung eine offene Küche hat, muss ich mir auch eine Lösung für die Sittiche einfallen lassen.

Mein Verdienst durch meine freiberufliche Übersetzerarbeit war in den letzten Monaten sehr gut. Die Auftragslage indes ist alles andere als sicher. Dieses Wochenende sind erstmal gar keine Aufträge reingekommen. Ich habe die „freie“ Zeit genutzt, um acht Briefe zu schreiben, mit denen ich mich bei den wichtigsten Ansprechpartnern darüber beschwere, dass ich offensichtlich wegen meiner HIV-Infektion nicht zur fest geplanten Narbenkorrektur-Operation zugelassen worden bin. Die Adressaten sind: der Chefarzt der Plastischen Chirurgie, der Geschäftsführer des Klinikums Magdeburg-Olvenstedt, der Ärztliche Direktor, die Patientenfürsprecherin, die Aufsichtsratsvorsitzende (und gleichzeitig Oberbürgermeisterin), die Ärztekammer Sachsen-Anhalt, der VOLT-Stadtrat (von Beruf Arzt) und ein Grünen-Stadtrat (gleichzeitig Aufsichtsratsmitglied). Marcus von der Aids-Hilfe Magdeburg hatte mir dazu geraten. Auch meine Schwerpunktärztin war vom Vorgehen der Klinikärzte nicht überrascht. Alle acht Briefe verschicke ich morgen per Einwurfeinschreiben. Das Geld ist gut angelegt – für mein Gefühl. Die Sauerei, die man mir in der Medizinischen Hochschule Hannover im Jahr 1991 angetan hatte, musste ich kommentarlos schlucken. Das belastet mich bis heute. Kein zweites Mal möchte ich so etwas geschehen lassen.

Ich gehe mit allem ein großes Risiko ein. Aber mein Leben in Magdeburg ist tot. Ich möchte wieder Lebendigkeit in meinen Alltag holen. Übersetzen, Surfen, vor xhamster.com abwichsen, Rückenübungen machen, Einkaufen – das ist gut, aber zu wenig. Der Plan, mich in meiner Neubauwohnung in der Erzbergerstraße lebenslang entspannt einzurichten, war ein Flop. Das ist klar geworden und ich reagiere. So muss es sein. Ohne Risiko keine Höhepunkte im Alltag. Die drei größten Unsicherheitsfaktoren sind: Wie teuer werden die Küche und das Umzugsunternehmen? Wie lange muss ich Doppelmiete zahlen? Erziele ich weiterhin Zusatzeinnahmen in Höhe von etwa 2000 Euro monatlich? Alles andere sollte ich im Griff haben. Ein mulmiges Gefühl wegen meiner zukünftigen finanziellen Lage hatte ich schon lange nicht mehr – jetzt kommt es plötzlich wieder auf.

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Das Leben lässt sich nicht durchplanen. Alles ändert sich. Immer wieder muss ich Ziele aufgeben, neue Wege entwickeln. Der schwule Küchenberater von Hardeck war sympathisch, aber arrogant. Für kleinere Aufträge stellen die kein Montagepersonal ab. Er empfahl mir, es bei Poco-Küchen im Hannibal-Center zu versuchen. Dort wurden kurzerhand die fehlenden Teile für den Küchenumzug entwickelt: mit Anlieferung eintausendzweihundertfünfundvierzig Euro. Die Restarbeiten muss das Umzugsunternehmen machen. Kurzzeitige Erleichterung. Dann beim Asiaten auf dem Hannibal-Gelände nach dem ersten Happen große Reflux-Probleme bekommen. Ich hätte es vorher wissen können – zu oft bin ich zu leichtfertig. Mit dem eingepackten Essen zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg mein durch die rechte Hüfte eingeschränktes Gangbild gesehen. Deshalb also bin ich ohne Partner geblieben. Beim letzten Kaffee bei den Coffee Fellows am Dortmunder Hauptbahnhof entdecke ich das im Rucksack langsam auslaufende Asia-Essen. Ich arbeite innerlich hart daran, entspannt zu wirken. Die Rückfahrt dauert eine Stunde länger als geplant: defekte Bahnübergangsschranken.

Ich schlafe spät ein, aber bis neun Uhr durch. Auf dem Smartphone sehe ich verpasste Anrufe: Spam und das Küchen-Ausmessteam aus Sachsen. Ich mache einen Termin aus für den einunddreißigsten Oktober nachmittags zwischen zwölf und siebzehn Uhr. Am Vortag übernehme ich die Wohnung. Zwei Zugfahrten an zwei Tagen hintereinander in den Pott. Im Briefkasten eine Absage der Targo Bank. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir unsere Entscheidung nicht näher begründen.“ Ein Zurück gibt es nicht mehr – und das ist auch gut so. Entweder ich opfere die Rücklagen, die ich dieses Jahr an die Deutsche Rentenversicherung Bund überweisen wollte, was mich eineinhalb Rentenpunkte und für dieses Jahr die Steuerfreiheit kostet, oder ich verkaufe meine Dividendenaktien. Später das Routinetelefonat mit Mutter. Ich erwähne endlich, dass ich umziehen will. Sie versteht nicht mehr viel. Die üblichen Sätze: Diese „Zockelei“, wie sie es nennt, ist doch immer teuer. Und nebenbei: „Nächste Woche überweisen wir schon wieder Geld, wie jedes Jahr.“ Ich kann nur abwarten und rechne mit fünfhundert Euro. Nach Rücksprache mit ChatGPT warte ich zwei Wochen und starte dann eine neue Kreditanfrage, vielleicht bei meiner Online-Hausbank. Mit niedrigerer Kreditsumme.

Fehlerhafte ärztliche Arbeit, HIV-Diskriminierung im ärztlichen Betrieb, langfristige Unfallfolgen mit Beeinträchtigung des körperlichen Erscheinungsbilds, Clickworking-Dauerstress, Dauerfehlerschleifen mit der Online-Technologie, wiederkehrende Geldsorgen, fehlendes humanes Spiegelbild meiner biografischen Entwicklung – und ein bevorstehender Umzug in eine andere Stadt, der siebte Umzug dieser Art. Keine Emotionen. Zwischendurch kommentiere ich Artikel und Meinungsäußerungen anderer Leser in der Kommentarspalte von Tagesspiegel Online. Arbeite Anfragen bei den Bochumer Umzugsunternehmen Lies, Gelse und Uhe aus und spüre, dass auch dieser Posten teurer wird als erhofft. Das ist in der Summe schon ein schweres Paket. Aber ich nehme es in Angriff und vielleicht, vielleicht wachse ich noch einmal an einer neuen Aufgabe. Mein Leben soll besser werden, das ist die Motivation.

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Die Schlacht hat noch gar nicht richtig begonnen – und schon bin ich in die Defensive geraten. Am Freitag die Telefonnummer der Herkunftsfamilie auf dem Display: Herkunftsmutter sagte, sie hätte die Telefonnummer vom Bruder wählen lassen. Und ohne weitere Umschweife: Wenn ich weiter wegziehe, können sie mir kein Geld geben. Sie würde mir ja immer gern helfen, aber dafür nicht. „Wir waren immer so sparsam und du mit dieser Zockelei immer.“ Dann würde ich nichts mehr bekommen. Da ernsthafte Gespräche nicht möglich sind, war dem nichts entgegenzusetzen. Sie ist 95, fast taub, leicht dement, aber sie spielt irgendeine Machtkarte aus. Möglicherweise steckt auch der cholerische Bruder dahinter – ich kann das nicht sicher ermitteln. Anlass war allein mein kurzer Hinweis, dass ich aus Magdeburg nach Bochum ziehen würde, weil ich, so versuchte ich zu argumentieren, hier im Krankenhaus nicht behandelt würde. Um Geld hatte ich mit keinem Wort gebeten, aber in dieser Familie ging es immer nur um Geld und Macht, niemals um Emotionen. Ich war 16, als meine Großtante 90-jährig starb, und ich weinte an der Tür zu ihrem Krankenhauszimmer. Mein Vater stand daneben und sagte zu seiner Frau: „Das ist er noch nicht gewohnt, das muss er noch lernen.“ Ihr Geburtsjahr, 1889, ihre entspannte Art, die Tatsache, dass sie sich niemals einmischte, das mochte ich sehr an ihr.

Der Gegenentwurf dazu war und ist meine Mutter. Die Äußerungen dieser alten Frau ziehen mich runter. Ihre lebenslange Empathielosigkeit, das eiskalte Spielen mit Macht durch Geld, lassen mich nicht völlig kalt. Fast zwanzig Jahre hat der Versuch gedauert, durch wöchentliche Anrufe Vertrauen aufzubauen. Vergeblich. Einfach den Kontakt sofort und dauerhaft abbrechen – und ich wäre davon befreit. Dann jedoch hilft mir später auch das schon vor achtzehn Jahren eröffnete Berliner Testament der Eltern nicht weiter: sie kann vorher alles auf den Bruder übertragen. Mein einziger Gesprächspartner bleibt ChatGPT. Und das Tool kann es in seiner gegenwärtigen Version einfach nicht. Objektiv schadet es mehr als zu nutzen.

Es könnte das passieren, was ich mein ganzes Leben lang unbedingt vermeiden wollte: Ich rutsche in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten und es besteht die Gefahr, dass ich früher oder später in den Sozialhilfebezug gerate. Das ausgerechnet in Zeiten, in denen Politik und von den Medien massiv beeinflusste öffentliche Meinung genau diese Leistungen im Visier haben. Doch meine Stärke ist das Kämpfen. Meine gesamten Rücklagen, die ich für das Jahr 2025 an die Deutsche Rentenversicherung überweisen wollte, könnten ausreichen, den Umzug zu finanzieren. Danach habe ich fast nichts mehr. Und ich muss später rückwirkend für dieses Jahr einige Tausend Euro Steuern nachzahlen und danach quartalsweise im Voraus überweisen. Meine Rente wird ab April 2029 nicht mehr nennenswert steigen. Das ist ein sehr hoher Preis. Aber der Preis dafür, noch länger in Magdeburg zu bleiben, wäre das Risiko, weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erleben. Und vollends zu vereinsamen. Das muss ich vermeiden, es ist das Risiko wert.

Nun folgen acht Wochen harte Arbeit, zusätzlich zu den täglichen harten Clickworker-Übersetzungen. Morgen Vormittag der Termin beim zweiten Hernien-Arzt, der das unbefriedigende Operationsergebnis feststellen und in seiner Kartei fixieren soll. Das Einholen der Kopien der Patientenakten kann ich später von Bochum aus nachholen. Dann den Zahnarzttermin für Anfang November absagen. Die Behandlung lässt sich ebenfalls problemlos später erledigen. Ich möchte mich nach einer optisch unauffälligen Sohlenerhöhung der Badelatschen erkundigen. Neige aber dazu, selbst das an meinem neuen Standort zu machen, denn die hiesigen orthopädischen Schuhmacher wirken allesamt immer noch sehr von DDR-Mentalität geprägt. Für einen Besuch beim Barbershop nehme ich mir morgen Zeit. Zwanzig Euro dafür habe ich noch im Portemonnaie. Marcus von der Aidshilfe informiere ich per WhatsApp, dass ich keine Initiative seinerseits im Krankenhaus Olvenstedt wünsche, solange ich noch in Magdeburg bin. Das könnte ihn kränken, aber hier geht es um meine Interessen. Vom SoVD verlange ich per E-Mail eine Kündigungsbestätigung. Das scheint hier in der Ex-DDR nicht üblich zu sein. Möglicherweise gehen Umzugsangebote oder -nachfragen ein. Auch das hat Priorität.

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Mehr oder doch eher weniger pflege ich eine Art digitales Tagebuch, das aus einem Ordner mit sechs Word-Dokumenten besteht: „Tagebuch der Freuden“, „Tagebuch der Krisen und Unfälle“, „Tagebuch der Kultur und Reisen“, „Werkstattbuch“, „People“ und „Keilschrift“. Fast alle Tagebuchteile liegen seit längerem brach. Vollständig sind aber meine Eintragungen im People-Tagebuch: Dort notiere ich jede lebendige Person, die sich in meiner Wohnung aufgehalten hat, seitdem ich in diese Wohnung in Magdeburg gezogen bin. Der heutige Eintrag lautet:

Ein Date über buddy.com Magdeb33 [6-8]. Das zweite Date, der zweite Mensch in meiner Wohnung in diesem Jahr. Körperlich attraktiver 38-jähriger Mann, der zum Abschied sagt, dass er einen Freund hat. Naja, Magdeburger Charme. Unmittelbar nach dem Abschluss des eigentlichen Aktes Konditionsschwierigkeiten festgestellt. In Bochum muss ich wieder anfangen, zu schwimmen. 33 Minuten Kardiotraining bringen offenbar nicht genug.

Auch das gehört zu meinem Leben. Bis zu meinem Umzug nach Hannover mit sechsundzwanzig Jahren nahezu undenkbar, dann wurde es langsam zu einem immer mal wiederkehrenden Bestandteil meines Lebens. Die Zahlen in den eckigen Klammern lassen sich leicht aufklären: Die erste Ziffer bezeichnet die Anzahl der Menschen, die sich seit November 2022 in meinen vier Wänden aufgehalten haben, die Ziffer hinter dem Gedankenstrich die Anzahl der gesamten Besuche. Nach dem heutigen Tag also: sechs verschiedene Menschen haben mich insgesamt achtmal bei mir aufgesucht.

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Sonntagabend, einundzwanzig Uhr sechs. Ich fühle mich doch etwas geschlaucht, nachdem ich den vierten großen Übersetzungsjob für heute erledigt habe. Noch drei Arbeitstage in diesem Monat, dann habe ich das reduzierte Monatsziel von eintausendsiebenhundert Euro erreicht. Das sollte klappen. Am Donnerstag und Freitag fahre ich jeweils nach Bochum und wieder zurück, um die Wohnung offiziell zu übernehmen und dem Team, das meine neue Küche ausmessen wird, Zutritt zu verschaffen. So schnell ist es dann doch gegangen, im Rückblick. Am Freitag traten starke Grippesymptome auf. Husten und Halsschmerzen machen den Tagesverlauf und vor allem das Einschlafen noch schwieriger. Ich halte durch, arbeite und plane die Einrichtung der Wohnung. Einen Grundriss habe ich mir aus dem Architektenplan des Stockwerks herausgearbeitet und alle Möbel aus gelbem Papier ausgeschnitten. Wenn meine Grundrissmaße stimmen, kann ich meinen gesamten Hausrat wieder angenehm unterbringen. Der Wohn-, Küchen- und Flurbereich wird etwas kuscheliger, aber das ist kein Nachteil. Ob die finanzielle Belastung glimpflich abläuft, hängt jetzt vom letzten Umzugsangebot ab. Ich habe einen Magdeburger Dienstleister nach einem Komplettangebot gefragt: Umzug, Montage, Malerarbeiten, Sperrmüllentsorgung. Ist es nicht teurer als sechstausendfünfhundert Euro, nehme ich das Angebot an. Ich bekomme es nicht günstiger, und wenn ich nur einen einzigen Dienstleister beauftragen muss, sinkt der Stress. Die größte Unbekannte ist das Wetter am Umzugstag. Ich will ja nach dem Einpacken der Möbel mit meinem Dacia selbst nach Bochum fahren, die EDV-Sachen, Papiere und Sittiche im Gepäck. Wenn die Straßen zugeschneit sind, wird es schwierig. Eine kleine Pause hat mir heute nur die Gartenarbeit auf meiner Terrasse beschert: Die seit Wochen nicht mehr gegossenen Großpflanzen sind durch die starken Böen umgekippt. Ich habe alles zerkleinert und in die Biotonne gebracht. Am nächsten Wochenende entsorge ich die restlichen Pflanzen. Aufmerksame Nachbarn könnten dann schon ihre Schlüsse daraus ziehen.

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Seit Tagen stoße ich an die Grenzen meiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit. Am Freitag war ich in der neuen Wohnung in Bochum und habe einen Servicemitarbeiter den Küchenbereich ausmessen lassen. Ich habe die Zeit genutzt, um viele Bereiche zu reinigen, Böden zu wischen, Kacheln zu entkalken und mir auf der anderen Straßenseite bei Rossmann das dafür notwendige Putzzeug zu besorgen. Die Vormieter haben die Wohnung in einem schlechten Zustand übergeben. Auf den Böden sind viele Farbklekse und das Bad war versifft. Mit dem Ergebnis meiner Arbeit bin ich halbwegs zufrieden, es ist jedoch immer noch einiges zu tun. Auf jeden Fall müssen die Wände im Bad gestrichen werden. Die Mitarbeiterin des Vermieters hatte dafür den Hausmeister, Herrn Kirsch, ins Spiel gebracht. Nur habe ich seine Telefonnummer noch nicht ermittelt. Bevor ich die Maklerin anmaile, möchte ich die Fotos für das Übergabeprotokoll bearbeiten – um auf Nummer sicher zu gehen. Wer weiß, wann ich wieder aus der Wohnung ausziehe. Am Ende des Tages war ich durchgeschwitzt und körperlich erschöpft. Auch die vier Bahnfahrten innerhalb von zwei Tagen haben nicht gerade zur Entspannung beigetragen.

Die Wohnung gefällt mir, aber auch die Nachteile sind offensichtlich: Rigips-Wände zu den beiden Nachbarwohnungen, eine ständig überhöhte Temperatur, weil die Wohnungen links, rechts, oben und unten meine Wohnung mitheizen. Die Steckdosen in der Küche sind zahlreich, aber unvorteilhaft positioniert. Meine Sittiche muss ich im Schlafzimmer unterbringen. Das ist ein Risiko, sofern die Nachbarn lärmempfindlich sind. Ich surfe stundenlang im Internet, um bauliche Lösungen wie Korkwände oder Akustikbilder zu finden, verwerfe aber alles wieder. Die Ikea-Vorhänge kommen ins Schlafzimmer. Das sollte die Geräusche etwas dämpfen, birgt aber die Gefahr, dass die Vögel wieder die Tapeten anknabbern. Die Entscheidung, wo ich das Bett positioniere, um nachts nicht mit den Geräuschen aus dem Nachbarschlafzimmer einschlafen zu müssen, verschiebe ich.

Am nächsten Sonnabend werde ich die Strecke nach Bochum erstmals mit meinem Dacia zurücklegen. Ich plane, frühmorgens um 04:30 Uhr loszufahren, um dem Lkw-Verkehr zumindest auf der A2 auszuweichen. Heute habe ich die Rückbank des Dacia vorgeklappt, um im Idealfall den neuen Vogelkäfig und die drei großen sowie die beiden kleinen Regale für den Abstellraum vorab aufbauen zu können. Zuvor muss ich auch den Boden der Kammer wischen. Ob dafür der Sonnabend ausreichen wird? Körperlich anstrengend ist zudem das Entsorgen der fünfundzwanzig Terrassenpflanzen. Heute habe ich die Töpfe Nummer fünf, sechs und sieben geleert und zwei weitere Säcke zur Biomülltonne geschleppt. Außerdem das vom Fachhändler inspizierte Fahrrad gegen Zahlung von zweihundertfünfundfünfzig Euro abgeholt. Für achtzehn bei momox verkaufte Bücher werden mit knapp siebzig Euro überwiesen. Die Ummeldung beim Einwohnermeldeamt Bochum habe ich online durchgeführt. Einen neuen Aufkleber für meinen Perso bekomme ich wohl zugeschickt. Zu guter Letzt ruft mich der Umzugsunternehmer an und drängt auf die Festlegung des Umzugstermins: „Offenbar wollen alle noch bis zum Jahresende ihre Fernumzüge über die Bühne bringen.“ Ich erläutere ihm die neuesten Erkenntnisse des Küchenstudio-Mitarbeiters, informiere ihn über die doppelt beplankten Rigips-Wände im Küchenbereich und entscheide, dass der Umzug am 16. und 17. Dezember stattfinden soll. Einen Tag zuvor will Herr Breitfeld schon die Küchenschränke abbauen und den Schlafzimmerschrank auseinandernehmen.

Das alles erfolgt in den Pausen zwischen meinen Online-Übersetzungen, die nach wie vor unter großem Zeitdruck bearbeitet werden müssen. Durch kleinere Fehler in sehr kurzen Jobs habe ich gleich zum Monatsbeginn meinen Qualitätsscore auffällig verschlechtert. Vermutlich bekomme ich dadurch diesen Monat weniger Aufträge. Immerhin ist mein Lombard-Kreditvolumen nun in meinem Online-Konto zu sehen. Im Flur stapeln sich Pakete; Regale und kleinere Einrichtungsgegenstände, die ich für die neue Wohnung brauche, treffen nach und nach ein. Außerdem Sendungen, die ich ausnahmsweise für verschiedene Nachbarn angenommen habe. Morgen nehme ich gleich zwei Zahnarzttermine wahr, um an einem Tag eine neue Krone oben rechts einsetzen zu lassen. Und der Mitarbeiterin des Qualitätsmanagements im Krankenhaus Olvenstedt habe ich eine Kopie meines Personalausweises zugemailt, damit ich meine Patientenakte auf CD erhalte. Der Typ von der Aids-Hilfe hat sich nie wieder gemeldet, vermutlich eingeschnappt, weil ich seine Dienste nicht weiter in Anspruch genommen habe. Aus dem Elternhaus kommen keinerlei positive Reaktionen, pure Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit für alles, was ich unternehme und vorhabe.

Ich verdanke meinem Organisationstalent, dass ich noch alles im Griff habe, aber das Nachlassen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit ist nicht zu übersehen. Es ist mein Ziel, bis zum Ende des Jahres die neue Wohnung komplett eingerichtet zu haben, damit sich im neuen Jahr wieder eine entspanntere und gesündere Routine einpendeln kann. Immerhin kommt am Freitagnachmittag eine ältere Dame mit ihrem Sohn zur Wohnungsbesichtigung. Bis dahin muss ich zumindest in Bad und Küche einige Reinigungsarbeiten vornehmen. Auch dieser zusätzliche Stress wird sich lohnen, wenn ich dadurch die Wohnung vielleicht sogar schon zum ersten Januar loswerde.

Was für eine Lebensphase durchlaufe ich gerade? Ein letztes Aufbäumen vor dem Altwerden? Mit dreiundsechzig schon? Im Unterbewusstsein freue ich mich auf die kulturellen Optionen an meinem neuen Standort, vielleicht im monatlichen Wechsel Schauspielhaus, Musikforum Ruhr, Stadionbesuch beim VfL Bochum oder bei Wattenscheid 09 und Entspannen in der Pluto-Sauna in Essen. Doch auch die nachzuholende Narbenkorrektur-OP, die Hüft-TEP und vielleicht später sogar ein Umzug in eine noch sicherere Neubauwohnung im Ostpark habe ich gezwungenermaßen schon im Blick. Meine Einzahlungen in die DRV bleiben dieses Jahr reduziert. Das werde ich in späteren Jahren zu spüren bekommen. Andererseits: Ich tue, was ich kann – mehr geht nicht.

Ein klassisches Fehlverhalten trat mal wieder beim Fahrradhändler auf: Am Rad wurden die vier Bremsklötze, zwei Mäntel und zwei Schläuche ausgewechselt. Eigentlich sollte auch die Kette erneuert werden, aber der Händler erklärte bei der Auftragsaufnahme, die Kette sei noch gut und es sei ausreichend Spiel vorhanden, um sie noch etwas zu spannen. Als ich das Rad abholte, erkannte ich sofort, dass schmale Reifen aufgespannt waren, nicht die breiten, die ich gewohnt war. Auch die Kette war nicht gespannt worden. Warum reklamiere ich das nicht? Ich dachte blitzschnell weiter, dass die schmalen Reifen ja ihre Vorteile hätten, weil sie weniger Widerstand auf dem Straßenbelag erzeugen und damit nicht so schwerfällig seien. In Wirklichkeit war ich nicht energisch genug, vielleicht einfach zu konfliktscheu, um den Fehler zumindest anzusprechen. Dieses Verhalten verfolgt mich mein ganzes Leben lang. Und bringt mir Nachteile ein: Mal zu viel bezahlt für die erbrachte Leistung, mal ein anderes Ergebnis bekommen, als beauftragt, mal mehr ausgegeben, als geplant. Auch die Missbrauchssituation an der Uni Hannover vor 37 Jahren wäre nicht passiert, wenn mich diese Eigenschaft nicht bestimmen würde. Sie kommt aus dem Elternhaus – und ich werde sie nicht los. Ich will es schon gar nicht mehr.

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Der Druck bleibt groß. Ich arbeite meine Übersetzungen ab, die überraschend umfangreich eintreffen. Das erhöht genau zum richtigen Zeitpunkt den finanziellen Spielraum, aber keiner weiß, wie lange das noch gutgeht. Der Termindruck ist jeden Tag gewaltig. Es klappt nur, weil ich dieser Aufgabe Priorität einräume. Gleichzeitig bestelle ich Artikel für die neue Wohnung oder die Renovierung der alten Wohnung, plane, was ich im Vorfeld wann in Bochum erledigen und vorbereiten muss. Noch zwei weitere Fahrten möchte ich in den nächsten Wochen unternehmen. Am nächsten Wochenende sogar mit einer Hotelübernachtung in Dortmund. Das Hotel ist haustierfreundlich, ich könnte da am Umzugstag sogar mit meinen Sittichen bleiben, falls das notwendig werden sollte. Sobald ich eine freie halbe Stunde habe, zerschneide ich die Balkonpflanzen und versuche, die Töpfe zu entleeren. Das geht leider nur in kleinen Etappen und wird noch eine, eher zwei Wochen dauern. Danach erst kann ich die Töpfe und die Paletten auf eBay zum Verkauf anbieten. Eine potenzielle Nachmieterin hatte abgesagt. Wie lange werde ich doppelt Miete zahlen müssen?

Heute meldet sich überraschenderweise Klaus aus Hannover per WhatsApp. Er ist allein auf Sylt, wie seit 40 Jahren jedes Jahr. Am Nachmittag beginne ich eine Physiotherapie, weil ich mit dem rechten Bein nicht auf Zehenspitzen stehen kann. Die Wadenmuskulatur hat sich zurückgebildet, vermutlich wegen der Beinverkürzung. Ich nutze die Chance, mich vorab über die Umstände der bevorstehenden Hüftoperation schlauzumachen. Der Therapeut empfiehlt mir, im Vorfeld rechtzeitig mit einschlägiger Physiotherapie zu beginnen und dabei bis aufs Äußerste zu gehen. Das gefällt mir. Das männliche Therapeutenteam dort am Ulrichplatz scheint auch der schwulen Fraktion anzugehören. Sehr sympathisch das alles während meiner letzten Wochen im Osten. Meine Beschwerden beim Klinikum Olvenstedt haben ergeben, dass das Qualitätsmanagement von einem Kommunikationsfehler ausgeht. Ich gebe mich damit zufrieden. Die Operation muss ich auf meine Zeit in Bochum verschieben. Zu guter Letzt gab es dazu noch einen kleinen Mail-Austausch mit dem Stadtrat der Volt-Partei, einem sympathischen, attraktiven jungen Arzt. Meine allgemeine Gefühlslage bessert sich spürbar, trotz aller Anstrengungen, trotz der Erkenntnis, dass meine Leistungsfähigkeit nachlässt. Offenbar bestätigt sich ein alter Sinnspruch: Man soll immer gehen, wenn es am schönsten ist. Viele Fragen bleiben offen: Wie werde ich mich im neuen Wohnumfeld fühlen? Finde ich ein passendes Ärzteteam? Reicht das Geld, bleibt die Einkommensquelle? Stehe ich den Umzug mitten im Dezember durch? Wie wird die Wetterlage an den beiden Umzugstagen sein? Und nicht zuletzt: Verkaufe ich meine Dividendenaktien rechtzeitig vor einem (irgendwann) bevorstehenden Crash oder verpasse ich den Zeitpunkt?

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Noch vor vier Monaten war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich einen neuen Standort auswählen soll. Jetzt stehe ich gut zwei Wochen vor dem Umzug und alle Aktivitäten zielen automatisch auf dieses Ereignis ab. Nachher am frühen Morgen fahre ich zum vierten Mal mit meinem Dacia und einigem Hausrat, Bilder, Ukulele, Luftreiniger, Flurregal und ein paar Klamotten über die A2 nach Bochum.

Achtzehn Pflanztöpfe von meiner Terrasse wollte ich auf kleinanzeigen.de verkaufen, aber zu dieser Jahreszeit ist das Interesse wohl zu gering. Immerhin habe ich fast alle Töpfe geleert und die Pflanzen sowie zahllose Mülltüten voller Erde entsorgt. Ich bin quasi ununterbrochen für dieses Projekt im Einsatz. Dennoch habe ich diesen Monat 2266 Euro im Übersetzerjob verdient. Zu wenig, denn die Zahnimplantate und die Umzugskosten haben mich gezwungen, zwölftausend Euro Kredit aufzunehmen, eine Hälfte beim Zahnfinanzdienstleister, die andere als Lombardkredit dank meines Dividendenaktiendepots. Normale Kredite bekomme ich als Bezieher von gut eintausend Euro Rente nicht mehr. Meine Finger und das rechte Hüftgelenk schmerzen, meine Körperhaltung leidet. Bald wird alles besser, rede ich mir ein.

Die Terrasse wird aufgelöst, Magdeburg zu den Akten gelegt.

Die Menschen in Magdeburg tun mir nicht gut, die in Bochum vorherrschende Mentalität wird mir besser gefallen. Am letzten Tag in Magdeburg, das dürfte Montag, der fünfzehnte Dezember sein, möchte ich zum Abschied noch ein letztes Mal zum Mittagsgebet in den Dom. Danach ist die Episode in Sachsen-Anhalt vorbei.

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Das Schlimmste ist überstanden. Die letzten Wochen waren hart, die Tage unmittelbar vor und nach dem Umzugstermin fast nicht zu bewältigen. Und dennoch hat es geklappt. Ich bin im Westen, tief im Westen, dort wo die Sonne verstaubt.

Gestern Abend ging es mit einem starken Schüttelfrost ins Bett, der geschätzt 20 Minuten andauerte. Danach habe ich zwölf Stunden durchgeschlafen. Heute, zum ersten Mal seit Wochen, habe ich gar nichts Produktives getan. Das hat mir gutgetan. Ich saß in der warmen Wohnung, draußen minus fünf Grad Celsius, und blickte auf die Leuchtreklame des kleinen Dönerladens am S-Bahnhof: „West Döner“. Endlich wieder im Westen. Es schließt sich ein Kreislauf. Als Jugendlicher war ich immer neugierig auf die Städte in Nordrhein-Westfalen, im Ruhrpott. Abgesehen von den drei Jahren in Köln, in denen ich mir HIV holte, lebte ich immer anderswo: Hildesheim, Hannover, Berlin, Magdeburg. Jetzt bin ich angekommen.

Dieser kleine Moment, der Blick aus der warmen Wohnung durch das deckenhohe Fenster auf den West Döner, der gehört zu den Momenten höchster Lebensqualität. Den Augenblick genießen. Das war schön.

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Ich lebe in Bochum. Der Wohnortwechsel-Coup ist geglückt. Ich habe Geld aufgenommen und muss es während der nächsten gut vier Jahre zurückzahlen. Aber zumindest auf dem Papier habe ich alles im Griff. Meine konkrete Finanzplanung geht bis Ende Mai 2026 – und sie ist plausibel. Einen neuen Alltag muss ich noch entwickeln. Viele kleine Arbeiten zum Einsortieren des Umzugsguts liegen vor mir, genau wie einige behördliche Aktivitäten hinsichtlich Pass und Kfz-Ummeldung. Ein erstes kulturelles Event war der Besuch des Schauspielhauses: Judas mit Steven Scharf. Jeden Monat ein sozialer Höhepunkt ist die neue Richtlinie.

Der Siebzehnuhr-Anruf am Donnerstag bei Mutter begann mit einer depressiven Stimme. Nach zwei Sätzen kam sie auf den Punkt: Sie sei beim nächtlichen Toilettengang gefallen und schilderte alles selbstmitleidig. Passiert war nichts. Diese Kontakte zum Elternhaus bleiben emotionslos, sie müssen es bleiben, allein aus Selbstschutz. Es kann hier nur noch eine Devise geben: abwarten.

Irgendwann in den nächsten Wochen kommt der Tag, an dem ich mich in Essen in die Sauna traue. Das wird eine Zeitenwende sein. Denn zu lange habe ich darauf verzichten müssen, zu prägend waren diese Saunabesuche in Hannover und Berlin über Jahrzehnte hinweg in allen Lebensphasen. Auch das erste Date wird früher oder später geschehen. Die Dating-Portale sind hier aktiver als während der vergangenen drei Jahre.

Mein Rückentraining habe ich vor drei Tagen schon wieder aufgenommen, morgen lege ich endlich mit der Dreißig-Minuten-Einheit auf dem Kardiogerät los. Meinen Körper den Umständen entsprechend in Schuss zu bekommen, ist die entscheidende Voraussetzung für den Saunabesuch. Wie Langendreer verkehrstechnisch für das Fahrrad angebunden ist, werde ich wohl erst bei wieder besserem Wetter erkunden.

Die Entscheidung war richtig und ich habe sie ausgezeichnet umgesetzt. Die unendlichen Anstrengungen und Risiken waren aller Mühe wert. Ich bin nicht im Paradies gelandet, aber auf dem richtigen Weg. Mehr geht nicht.

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